Rathauschef und „Opa Bürgermeister“

Norddeutsche Neueste Nachrichten – Donnerstag, 02.02.2012

Roland Methling privat: Mit den Enkeln errichtet er Türme aus Bauklötzen, Erholung vom Politik-Alltag findet er im schwedischen Holzhaus

Sonntagsfrühstück im Hause Methling. Es gibt frische Brötchen und reichlich Kaffee. Endlich ist Zeit für den Stapel ungelesener Zeitungen, der im Wandschrank neben der Mikrowelle lagert. Wenn niemand guckt, fällt für Hundedame Tindra ein Stück Wurst herunter. Es ist gemütlich am schweren Holztisch im ersten Stock des Gehlsdorfer Hauses. Der Vormittag gehört der Familie. Heute sind Steffen Methling und seine Frau Haiwei mit ihren Kindern Junis (5) und Lya (3) aus Hamburg gekommen. Die Mutter und die beiden Kleinen bereiten eine Reise nach Taiwan vor, wollen sich von den Großeltern in Deutschland verabschieden. Gestern, an ihrem dritten Geburtstag, hat Lya singen geübt: „Zhu Ni Shenri Kuaile“. Happy Birthday auf Chinesisch, denn die beiden Enkel von Roland Methling wachsen zweisprachig auf. Heute steht zwischen Brötchen-Happs und Cherry-Tomate noch ein anderes Lied auf dem Programm. „Teilen ist schöner“, studiert Roland Methling mit Lya und ihrem Bruder Junis ein. Abgeben sollen die Kinder rechtzeitig lernen.

Trotz aller Konflikte: Sanierung der Finanzen steht obenan

Schließlich kommt das Gespräch dann doch auf Politik. In einem Nebensatz sagt Steffen Methling zu seinem Vater: „Du bist ja auch Politiker…“ Roland Methling wiegt den Kopf, druckst ein bisschen herum. „Nein, bin ich nicht“, entgegnet er. Wahrscheinlich haben beide Recht. Sohn und Vater. Und wahrscheinlich ist der Mann, der seit sieben Jahren als parteiloser Oberbürgermeister die Geschicke im Rostocker Rathaus lenkt, ohne dieses Spannungsverhältnis zur etablierten Politik und ihren Parteien nicht zu verstehen. Natürlich arbeitet er jeden Tag in der Politik. Aber er ist auch ein Macher – der frühere Hanse-Sail-Manager, der die Großveranstaltung nach der Wende aus dem Boden stampfte, mit vielen Mitstreitern und am Anfang ganz ohne öffentliches Budget. Mit 58,2 Prozent der Stimmen katapultierten ihn die Rostocker 2005 auf den Chefsessel des Rathauses, als Arno Pöker (SPD) nach breiter Kritik an seinem Führungsstil und einem Minus von 18 Millionen Euro bei der Internationalen Gartenbauausstellung IGA zurückgetreten war. Roland Methling war der Mann von außen. Den zerrütteten Haushalt mit damals mehr als 200 Millionen Euro Schulden auf Vordermann zu bringen, diese Aufgabe stellte er sofort ganz obenan und ordnete ihr vieles andere unter. Konflikte ließen freilich nicht lange auf sich warten. Mit dem damaligen Theater-Intendanten Steffen Piontek, mit dem mächtigen Wiro-Manager Bernhard Küppers, mit den Senatoren, der Bürgerschaft sowieso. Mangelnde Kompromissfähigkeit werfen ihm seine Gegner vor, auch weil er so häufig Bürgerschaftsbeschlüssen widersprach.

Für Roland Methling sind solche Anwürfe „eine rein theoretische Debatte“. In der täglichen Praxis habe er schon durch die Kommunalverfassung die Pflicht, das Vermögen der Hansestadt zu schützen. Vieles hat er deshalb in der Verwaltung zur Chefsache gemacht und auch dafür viel Kritik geerntet. Der Verwaltungschef stellt maximale Anforderungen an seine Mitarbeiter und sich. Wer lange nach Feierabend am Neuen Markt vorbeikommt, sieht fast jeden Tag die eine erleuchtete Fensterreihe in dem sonst düsteren Rathaus. Erster Stock, links über dem Portal. Es ist das Büro des Oberbürgermeisters.

Vorlesestunde mag Lya am liebsten unterm Küchentisch

Kraft tanken Roland Methling und seine Frau, die ihre Zahnarztpraxis im Erdgeschoss des Gehlsdorfer Anwesens betreibt, in Schweden, dem Land, aus dem Annegrets Urgroßmutter in den 1850er-Jahren nach Deutschland einwanderte. „Den Traum vom Norden hatten wir schon zu DDR-Zeiten“, sagt Roland Methling. 1993 dann fuhren er und seine Frau eine Allee in Småland entlang. Das Haus hatten sie noch nicht mal gesehen, „da wusste ich schon, dass es unser Haus sein würde“, sagt Annegret Methling. Ihr Mann liebe Alleen, da habe einfach alles zusammengepasst. Drei-, viermal im Jahr machen sich die Methlings jetzt mit der Fähre auf den Weg und genießen die Abgeschiedenheit in der Nähe von Växjö. „Ich gehe auch gern mal mit Axt und Kettensäge zum Bäumefällen in den Wald“, sagt Roland Methling. Die nächsten Nachbarn wohnen einen Kilometer weit weg. Mit ihnen sind Roland und Annegret Methling befreundet und feiern jedes Jahr Silvester zusammen. Ein Jahr bei den Schweden, im nächsten bei den Deutschen. Dann wird gekocht, geplaudert, ein guter Wein getrunken.

Ein Bild von der schwedischen Idylle hängt auch über dem Frühstückstisch in Gehlsdorf. Wenn sie fertig gegessen haben, wollen alle zusammen mit Tindra spazieren gehen. Junis und Lya freuen sich darauf, mit ihren Großeltern Türme aus Bauklötzen zu bauen. Ein ganz entspannter Sonntag eben, weit ab vom Wahlkampftrubel. Zu diesem hat Enkelin Lya sowieso ihre eigene Meinung. Beim Vorlesen unter dem Küchentisch verrät die Dreijährige ihrem „Opa Bürgermeister“ ihre Entscheidung zumindest für diesen Nachmittag: „Ich wähle Oma.“

Stefan Homann

Quelle: Norddeutsche Neueste Nachrichten
 

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